Kennenlernen läuft in Deutschland erstaunlich oft über dasselbe Getränk. Wer keinen Alkohol trinkt — wegen einer Entscheidung, wegen Medikamenten, wegen einer Schwangerschaft, aus Sport oder einfach ohne Grund —, steht damit regelmäßig vor Runden, in denen er sich erklären soll. Das lässt sich vermeiden, ohne auf Gesellschaft zu verzichten.
Fast niemand vermisst am Abend den Wein. Anstrengend ist die Frage „warum trinkst du nichts?" und das Gefühl, jetzt eine Geschichte liefern zu müssen. Genau deshalb hilft ein kurzer, fertiger Satz mehr als jede Begründung: „Heute nicht, danke." Er ist vollständig, er stimmt immer, und er lädt nicht zum Nachhaken ein. Wer mehr erzählen will, kann es später immer noch tun.
Alles, was tagsüber und mit einer Beschäftigung stattfindet, ist unverfänglich: Wandern, Klettern, Schwimmen, Radtouren, Brettspiele, Kochen, Museen, Konzerte, Sportkurse, Repair-Cafés. Dort trinken viele ohnehin nichts, und das Gespräch dreht sich um die Sache. Der Unterschied zur Bar ist nicht der Verzicht — es ist, dass niemand auf die Gläser schaut.
Späte Zeiten müssen nicht wegfallen. Kino, Lesungen, Konzerte, Kneipenquiz, Late-Night-Öffnungen von Museen, Nachtwanderungen, Spieleabende in Cafés: Das sind Abendtermine mit Programm, bei denen das Getränk Nebensache ist. In größeren Städten gibt es zunehmend Bars mit ausschließlich alkoholfreier Karte — verlassen sollte man sich darauf nicht, denn außerhalb der Zentren sind sie selten.
Es passiert, meist ohne böse Absicht und oft von Menschen, die sich selbst rechtfertigen wollen. Zwei Sätze reichen: die eigene Antwort wiederholen, dann das Thema wechseln. Wer nach dem dritten Mal weiter drängt, sagt damit etwas über sich — und Runden, in denen das Trinken zur Eintrittskarte wird, sind für niemanden gute Runden, auch nicht für die, die mittrinken.
Deutlich mehr Leute, als sichtbar sind: Menschen im Training, Schwangere, Autofahrerinnen und Autofahrer, Leute mit Medikamenten, Muslime, Genesende, Frühaufsteher — und schlicht alle, die morgens fit sein wollen. Wer eine Runde selbst ansetzt und „ohne Alkohol" dazuschreibt, spricht diese Gruppe direkt an, statt zu hoffen, dass sich zufällig jemand findet.
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